Es hat mich überrollt, ich bin wieder da

Nachdem ich in den ersten Tagen voll Elan war und irgendwie noch Zeit für Beiträge auf diesem Blog aufgebracht habe, hat es mich die Lehre für die nächsten Wochen einfach schlicht überrollt. Von Seminar zu Seminar stieg der Aufwand: Hier muss etwas erklärt werden, dort steht eine falsche Info, hier funktioniert das Tool nicht wie erhofft, dort haben einige keinen Zugriff auf was auch immer. Jetzt die gute Nachricht: Es wurde langsam besser und heute komme ich sogar wieder dazu, ein paar Gedanken loszuwerden.

Diese Gedanken betreffen vor allen die Frage, wie es in meiner Wahrnehmung neben mir eigentlich den anderen so geht, die an den Seminaren teilnehmen: die Studierenden (und, liebe Teilnehmer:innen meiner Seminare, wenn ihr das lest, korrigiert mich bitte!).

Mein Eindruck ist, dass es gleichzeitig mindestens zwei Dinge gibt, mit denen Studierende grad umgehen müsse:

(1) In meinen Seminaren arbeiten wir mit Moodle und es gibt einfach eine riesen Flut von Informationen zu bewältigen. Einzelne berichten davon, dass sie keine Mails mehr von Moodle lesen und sprechen regelmäßig davon, ‚zugespamt‘ zu werden. Bisher ist mir noch keine gute Idee gekommen, wie ich die Informationen so bündeln kann, dass es für alle erträglicher und verarbeitbarer wird und gleichzeitig für mich der Aufwand der Informationsaufbereitung nicht noch mehr steigt.

(2) Wenn die Studierenden den Weg zu den einzelnen Aufgaben gefunden haben, macht die Arbeit großen Spaß und es kommen im Rahmen der Möglichkeiten auch gute Gespräche zu stande – Diskussionen möchte ich das Ganze aber noch nicht nennen. Die Studierenden sind also im Rahmen ihrer jeweiligen zeitlichen und räumlichen Möglichkeiten sehr engagiert und geben sich große Mühe, alles was ich ihnen auftrage nachzuvollziehen, sie sind sehr geduldig mit mir und den Tools.

Was die Diskussionen angeht, so fehlt etwas Wichtiges für meine Veranstaltungen: der unmittelbare Kontakt im gleichen Raum, der eine diskursive Auseinandersetzung, das Ringen um Positionen und das Verteidigen einer Perspektive ermöglicht. In einem Videocall kann ich persönlich nicht die gleiche Schärfe und Provokation einbringen, die für eine Diskussion erforderlich ist. Mir fehlt das Gegenüber. Dadurch entsteht in der Auseinandersetzung mit Texten eine Situation, in der zwar die erste Einarbeitung in den Text gut gelingt und auch schöne Kommentare zu den Texten geschrieben werden, diese aber zu keiner Diskussion führen und damit eine Vertiefung kaum möglich ist. Viel besser bekomme ich es grad noch nicht reflektiert, aber vielleicht weiß ja jemand was ich meine und kann es besser auf den Punkt bringen: Irgendwie laufen wir alle mit großen Schwung auf jeden Text los und werden rasch langsamer und langsamer. An dem Punkt würde ich gern alle in einem Raum versammelt haben und mit Energie und Provokation die Diskussion anheizen – was hoffentlich bald auch wieder möglich sein wird.

Zugang technisch realisiert

Heute haben zwei weitere Veranstaltungen begonnen, die ich als Lehrperson in diesem Semester anbiete. Damit ist der Reigen vollständig eröffnet und in allen Veranstaltungen gab es keine technischen Probleme. Der Eindruck, den ich gestern schon beschrieben habe, hat sich heute also bestätigt. Technisch konnte der Zugang zu den Seminaren realisiert werden. Die kurzen Feedbacks über Menti.com fallen ähnlich aus (die Grafiken spare ich hier daher). Mehrheitlich gehen die Teilnehmer:innen davon aus, gut mit der Medientechnik umgehen zu können und meine Moodle-Kurse sind übersichtlich.

Um den Blick auf die Technik rund zu machen, möchte ich noch auf die Ergebnisse einer Befragung eingehen, die ich im Vorfeld in allen Kursen eingestellt hatte. Dort habe ich die Teilnehmer:innen gebeten, mir Infos zu ihrer individuellen Technikausstattung zu geben. Mit den Daten hatte ich einen ersten Eindruck, inwiefern meine medientechnische Planung zu den Möglichkeiten der Studierenden passt. Für die Auswertung habe ich alle vier Befragungen addiert. Insgesamt haben n=45 Studierende an der Befragung teilgenommen, was einer Rücklaufquote von 82% der derzeit eingeschriebenen Studierenden entspricht. Im folgenden Balkendiagramm sind die relativen Häufigkeiten der Ja-Antworten angegeben.

Befragungsergebnisse (n=45; Angaben in %)

98% der Studierenden verfügen in meinen Seminaren also über einen Computer, den sie ohne Einschränkungen für das Seminar verwenden können. 91% können für das Seminar auf das Internet zugreifen. Niemand gab bei diesen ersten beiden Punkten an, keinen Zugang zu einem Computer oder dem Internet zu haben. Wenn dann wurde eine eingeschränkte Nutzung angegeben (also ‚XY‘ ist teilweise verfügbar). Allein diese Rückmeldung hat mich sehr beruhigt.

80% haben Webcam und Mikrofon bzw. Headset, um mit Bild und Ton an den Videomeetings teilzunehmen. 82% könnten dafür auch ihr Smartphone einsetzen. (Gefragt hatte ich speziell nach der Möglichkeit Skype zu nutzen, gehe aber davon aus, dass auch jede andere vergleichbare App dann nutzbar sein sollte.) 69% der Studierenden hätten außerdem die Möglichkeit, ohne zusätzliche Kosten an einer Telefonkonferenz teilzunehmen. In meiner Planung hatte ich die Möglichkeit vorgesehen, bei technsichen Problemen im Videocall auf die Telefonkonferenz umzuschwenken. Frühzeitig während der Befragung zeigte sich jedoch, dass dies keine Alternative zum Videocall sein würde.

Sowohl mein Eindruck aus den vier Videocalls als auch die Befragungsergebnisse geben mir im Hinblick auf die Technik ein gutes Gefühl. Erst einmal sieht es so aus, dass in den Seminaren jede:r technisch einen Zugang realisieren kann. Gespannt bin ich jetzt, ob der Zugang auch inhaltlich gelingt. Neben mündlichen Rückmeldungen, die ich bei den einzelnen Videocalls geplant habe, werde ich sicherlich nach den ersten zwei bis drei Wochen auch eine kleine Zwischenevaluation einstreuen und als weiteren Gesprächsanlass in den Seminaren und Gelegenheit zur Reflexion hier auf diesem Blog nutzen.

Sollte meinen Beitrag jemand lesen und ebenfalls erste Eindrücke zu der hier angesprochenen Frage gesammelt haben, freue ich mich sehr über einen Kommentar!

Technisch problemlos. Inhaltlich anders.

Der erste Tag mit Seminaren in #Coronazeiten liegt jetzt hinter mir. Mein Fazit ist zweigeteilt und mit der Überschrift zu diesem ersten Tagebucheintrag schon ziemlich gut zusammengefasst. Technisch gab es keine Probleme – zumindest keine die mir kommuniziert wurden. Inhaltlich ist es aber schon anders als sonst, das heißt, im Vergleich zu den Seminare, wie ich sie bisher angeboten habe ist eine ziemliche Umstellung mindestens in meinem Kopf und auch in meiner Didaktik erforderlich.

Technisch problemlos:

Bevor ich etwas genauer noch auf meine Eindrück zum inhaltlichen Teil eingehe, möchte ich kurz den Blick auf die Technik lenken. Erstaunlich war, wie reibungslos der Videocall via Zoom funktioniert hat. Im ersten Seminar waren mit mir insgesamt zehn Personen im Videocall anwesend, im zweiten sogar 22. Bis auf kleinere Herausforderungen zu Beginn (ich hatte vergessen den Teilnehmer:innen freizugeben, dass sie ihr Audio selbstständig wieder aktivieren können) gab es keine Schwierigkeiten. Die kurzen Feedbacks, die ich über ein Mentimeter eingeholt habe, zeigen das ebenfalls (5 von 9 bzw. 15 von 21 Studierenden antworteten).


Auch meine Überarbeitung der Moodlekurse scheint gut funktioniert zu haben. Der technische Weg, den ich eingeschlagen habe, sieht also schon mal ganz gut aus und ich werde diesen Pfad erst einmal so weitergehen.

Inhaltlich anders

Insgesamt bin ich schon davon ausgegangen, dass die Inhalte in diesem Semester auf eine andere Art als sonst be- und erarbeitet werden müssen. Nachdem ich nun einen Eindruck von den ersten Videocalls habe, bin ich mir ziemlich sicher, dass es ganz anders wird als sonst. Während ich üblicherweise in meinen Seminaren ad hoc auf Beiträge von Studierenden eingehe und Inhalte einbringe, erforderlich die gegenwärtige Situation, dass entweder alles vorher geplant ist oder die Studierenden einige Tage warten müssen, bis ich auf Beiträge reagieren kann. Also keine spontanen Einlagen, sondern alles planen und in gut verarbeitbare Stücke bringen. Was in technischen Fächern ganz gut funktionieren mag, ist in einem erziehungswissenschaftlichen Seminar schon eine ziemliche Herausforderung. Ein Weg heraus aus dieser Situation ist es, gar nicht erst in den synchronen Arbeitsphasen auf Inhalte einzugehen, sondern dafür ausschließlich die asynchronen Arbeitsphasen zu nutzen. Ich hatte es ja schon bei der Beschreibung der beiden Arbeitsphasen vermutet, war mir der Wichtigkeit einer strengen Trennung zwischen beiden Phasen aber noch nicht so bewusst.

Und irgendwie bin ich von zwei kurzen Seminaren von jeweils 40 Minuten (und einem weiteren Videocall zwischendurch) ziemlich geschafft und freue mich, dass der Tag im #Homeoffice für heute geschafft ist. Sicher werde ich nach meinen beiden anderen Seminaren morgen noch mal etwas hier schreiben.

Bis dahin wünsche ich mir und allen, die das lesen, einen erholsamen Abend!

Warum dieses Blog?

Es ist #Coronazeit in Deutschland und die Lehre an den Hochschulen ist für’s Erste nur online möglich. In Sachsen-Anhalt hat der Wissenschaftsminister den offiziellen Semesterstart auf den 20. April 2020 verschoben und die ersten Wochen im April wurden von den beiden Magdeburger Hochschulen zur Testphase erklärt.

Als Mitarbeiter der Universität und externer Lehrbeauftrager der Hochschule betrifft mich diese Änderung direkt. An jeder Hochschule biete in diesem Semester zwei Veranstaltungen an. Die Pläne, die ich mir bisher dafür gemacht hatte, sind nur noch bedingt nutzbar. Und irgendwie verspüre ich auch große Lust, diese besondere Zeit für besondere Weiterentwicklungen in meiner Lehre zu nutzen.

Auf diesem Blog halte ich meine Überlegungen zu Werkzeugen fest und berichte in einem Tagebuch (natürlich in möglichst anonymisierter Form) von meinen Erlebnissen und Erfahrungen mit diesen Werkzeugen in der Lehre. Das sind auch die beiden Ziele, die ich mit dem Blog verfolge: Werkzeuge beschreiben und Tagebuch führen. In erster Linie schreibe ich das für mich. Aber auch den Studierenden in meinen Seminaren kündige ich den Blog an und freue mich über ihre Kommentare und Rückmeldungen zu den einzelnen Beiträgen. Und auch andere Lehrende sind herzlich eingeladen, ihre Anregungen und Gedanken in Kommentaren festzuhalten.